Vom Kritiker zum Fan – Persönliche Eindrücke von Dr. Jochen Drees zum Video-Assistenten

Immer in der Winterpause findet bei uns im Bezirk Baden-Baden im Südbadischen Fußball-Verband die Halbzeittagung statt. Neben Ehrungen für langjährige Mitgliedschaft in der Schiedsrichtervereinigung – in diesem Jahr ging es bis hin zu 60 Jahren Mitgliedschaft, allergrößter Respek! – steht immer auch ein Referat auf der Tagesordnung, für das immer wieder hochkarätige Persönlichkeiten aus dem Fußball-/Schiedsrichter-Bereich den Weg ins Südbadische finde. Nachdem in den letzten Jahr u.a. Lutz Wagner, Jan-Hendrik Salver oder auch Knut Kircher zu Gast waren durften wir in diesem Jahr Dr. Jochen Drees in unserer Mitte begrüßen. Dr. Jochen war bis einschließlich letzte Saison selber noch Schiedsrichter in der Fußball-Bundesliga (142 Spiele) und fungiert diese Runde als Video-Assistent.

Und eben dieser „Video-Assistent“ bzw. der Videobeweis war auch das Thema seines Vortrags. Der Vortrag ging letztlich deutlich über das hinaus was der Öffenlichkeit über den Video-Assistent mitgeteilt wurde – siehe auch Premiere für den Video-Assistenten – die wichtigsten Fakten – und lieferte einen persönlichen, ehrlichen und kritischen Blick hinter die Kulissen und interessante Kennzahlen rund um dieses spieltäglich heiß diskutierte Thema.

Es sind Sitiationen wie die Werner-Schwalbe in Spiel Leipzig – Schalke im Dezember 2016, das Handtor von Andreasen beim Spiel Köln – Hannover im Oktober 2015 oder auch das Handspiel-Tor von Thierry Henry im Spiel WM-Relagationsspiel Frankreich – Irland im November 2009, die ein breites Unrechtsbewusstsein bei Mannschaften und Fans hervorriefen. Das waren seltene Fälle eines breiten Konsenz, dass hier hätte von außen eingegriffen und die Situation korrigiert werden müssen. Spätestens damit bekam die Idee des Videobeweises bzw. des Videoassistenten Schwung. Nachdem in der vergangenen Saison 2016/17 bereits „offline“ getestet wurde, gibt es mit dem Videobeweis nun die Möglichkeit solche klaren Fehler zu korrigieren. Und seitdem wird auch viel diskutiert.

Manche dieser Diskussionen sind derweil völlig unbegründet da nicht immer von Video-Assistenten eingegriffen werden darf. So etwa bei Spiel Hannover – Mainz im Januar 2018, als der Ball beim Eckball vermutlich außerhalb des Eckball-Kreises lag. Die Situationen, in denen der Video-Assistent eingreifen darf sind nicht vom DFB, sondern von der FIFA klar vorgeben:

  • Torerzielung
  • Elfmeter
  • Platzverweis
  • Spielerverwechslung bei Gelber und Roter Karte

Mit eben dieser Auflistung startete Dr. Jochen Drees in seinen kurzweiligen und immer wieder mit Videoszenen gespickten Vortrag. Insbesondere der Hinweis auf das standardisierte Protokoll der FIFA muss man sich verinnerlichen. Gelb-Rote Karten werden nicht überprüft weil man sonst auch jede Gelbe Karte überprüfen müsste und weitergedacht dann auch jedes Fouls bzw. sogar jeden Zweikampf. Aus diese Kaskade lässt sich auch ein wenig nachvollzieh wie die obige Liste zustande kam. Ebenso sind die Überprüfung der Spielfortsetzung sowie Vergehen außerhalb des Strafraumes (mit Ausnahme von Tätlichkeiten im Rücken des Schiedsrichters da diese ja eine Rote Karte nach sich ziehen) außerhalb des Protokolls.

Die konkrete Umsetzung des Protokolls war dem DFB überlassen und innerhalb dieser Umsetzung gab es während der Saison auch schon eine Änderung, die nicht Jedem bekannt sein dürfte. Der Video-Assistent (VA) ist nicht mehr alleine, sondern hat auch noch einen zusätzlichen Assistenten: den Assistant Video Assistent (AVA) – ein besseres Wort ist da wohl niemandem eingefallen 😉 Der AVA soll weiter auf das Spiel schauen während der VA gerade eine Szene checkt. Damit soll verhindert werden, dass eine schlimmerer Fehler übersehen wird während gerade eine andere Szene überprüft wird.

Alles getreu dem Grundsatz „Der Fußball soll fairer und gerechter werden.“ Auch wenn es manchmal in der Vorrunde nicht den Anschein hatte: der Schiedsrichter soll auch weiterhin alleine der verantwortliche Spielleiter bleiben. Der Video-Assistent und genau das, was schon in seinem Namen steckt: ein weiterer Assistent für den Schiedsrichter. Die Eingriffe des Video-Assistenten sollten also dem Schiedsrichter nichts mehr aufdrängen. Im Zweifel werden wir zukünftig den Schiedsrichter wohl auch aus Gründen der Außenwirkung öfter in der Review Area sehen.

Apropos Vorrunde. Interessant sind die Kennzahlen der ersten 153 Spiele:

  • 1041 vom Protokoll abgedeckte Situationen (439 Tore, 332 potentielle Strafstöße, 270 potentielle Rote Karten)
  • insgesamt gab es 250 sog. „Silent Checks“, d.h. der Video-Assistent schaut sich eine Szene an und findet keine Anhaltspunkte für einen Fehler
  • in 241 Checks wurde Kontakt zum Schiedsrichter aufgenommen, die Entscheidung aber bestätigt
  • letztendlich gab es 50 Checks mit einer Review-Empfehlung, d.h. der Videoassistent empfahl dem Schiedsrichter die Entscheidung zu korrigieren (nach DFB-Lehrmeinung in 48 Fällen korrekter- und in 2 Fällen unberechigterweise)

Macht pro Spiel im Schnitt 6,8 Situationen und 1,6 Checks pro Spiel. Soweit mal die Bestandsaufnahme, quasi das objektive und mehr oder weniger öffentliche. Deutlich interessanter wurde der Vortrag dann als Dr. Jochen Drees persönlicher wurde und interessante Einblicke hinter die Kulissen gab.

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