Gedanken zum IFAB-Strategiepapier „Play Fair!“ (1/4): Verbesserung des Verhaltens & Erhöhen des Respekts

Im Juni 2017 hat das International Football Association Board (IFAB) das Strategiepapier „Play Fair!“ veröffentlicht. Die Herausgeber stellen im Bereich Verbesserung des Verhaltens & Erhöhen des Respekts zurecht fest, dass sich „das Verhalten von Spielern und Teamoffiziellen/insbesondere von Trainern) […] verbessern muss“ und fordern „mehr Respekt gegenüber dem ‚Geist‘ und dem Inhalt der Spielregeln sowie gegenüber dem Schiedsrichter“. Löblich und vielleicht auch höchste Zeit, dass sich hier das mächtigste Regelgremium im Weltfußball so hinter die Schiedsrichter stellt.

Die Ideen zur Verbesserung des Verhaltens & Erhöhen des Respekts sehen u.a. vor, dass der Spielführer nicht nur 1. Ansprechpartner für den Schiedsrichter ist, sondern der einzige Spieler überhaupt ist, der mit dem Schiedsrichter reden darf. Zudem geht es um härtere Sanktionen gegen Offizielle und Auswechselspieler, um damit Verhalten und Respekt zu erhöhen.

Welche dieser Vorschläge sind sowohl sinnvoll als auch realistisch? Hier ein erster Versuch der Einschätzung.

Erhöhte Verantwortlichkeit für den Spielführer/Teamkapitän

Der IFAB-Vorschlag sieht vor, dass ausschließlich der Spielführer „den Schiedsrichter in einer kontroversen Situation ansprechen darf“. Zunächst einmal ist in dieser Formulierung unklar was genau eine „kontroverse Situation“ sein soll. Je nach Spielstand, Zeitpunkt und bisherigem Spielverlauf kann auch eine normalerweise harmlose Einwurfentscheidung sehr kontrovers sein. Kochen dann Emotionen hoch und und fühlt sich der betroffene Spieler unfair behandelt so scheint es unrealistisch zu erwarten, dass er sich lammfromm zurückhält und seinen Spielführer den Schiedsrichter auf diese Situation ansprechen lässt zumal Letzterer ja um die schnelle Spielfortsetzung bemüht sein soll. Und was ist wenn eine kontroverse Situation im generischen Strafraum vorliegt und der Torwart der Spielführer ist? Ich kann mir nicht vorstellen, dass noch einem 100-m-Lauf über den Platz ein ruhiges und einigermaßen sachliches „Gespräch“ zwischen Spielführer und Schiedsrichter möglich wäre.

(Insbesondere spontane) Emotionen lassen sich nicht kontrollieren und damit wirkt dieser Gedanke aus meiner Sicht absolut praxisfern. Der Spielführer ist ohnehin schon jetzt Ansprechpartner Nr. 1 für den Schiedsrichter. Aber ein paar Worte – egal ob mahnend oder beschwichtigend – zwischen dem Schiedsrichter und „normalen“ (als nicht Spielführer) Spielern wirkt manchmal Wunder. Und das sollte meiner Meinung nach aus so bleiben.

„Anpöbeln/Umzingeln“ von Spieloffiziellen sowie Rote und Gelbe Karten für Trainer/Teamoffizielle

Das IFAB schlägt vor zu testen inwiefern sich über härtere Strafen oder sogar Punktabzüge gegen die Mannschaft, die Schiedsrichter oder Schiedsrichterassistenten „anpöbelt“, das Verhalten verbessern ließe. Gerade im Hinblick auf die niederen Spielklassen ein durchaus guter Gedanke, der aber hart und konsequent durchgesetzt werden müsste damit sich die tatsächliche Wirkung zeigt. Was hier aber noch unberücksichtigt bleibt ist das Zuschauer-Verhaltung. Erst wenn sich ein Verein auch hier durch Nichtstun bzw. Nicht-Einschreiten – strafbares Zuschauerverhalten zu verhindern ist schließlich nicht möglich – strafbar machen kann sobald eine gewisse Grenze erreicht ist, könnte sich hier auch nachhaltig etwas zum Positiven ändern.

Eng damit verbunden ist, dass nach Ansicht des IFAB zukünftigt auch gegen Trainer und Teamoffizielle persönliche Strafen verhängt werden könnten. Damit würde die unterschiedliche disziplinatische Behandlung von Spielern (Auswechselspieler, ausgewechselte Spieler, Spielertrainer) und Teamoffziellen entfallen. Dem IFAB geht es hier in erster Linie um die Außenwirkung. Konsequenterweise müsste aber nach einer persönlichen Strafe gegen einen Teamoffiziellen wie bei Spielern auch noch eine Sperre erfolgen – je nachdem automatisch oder nach entsprechendem Urteil des Sportrichters.

Leider beginnt es genau an diesem Punkt zumindest im Amateurbereich – zumindest mal bei uns im Südbadischen Fußballverband (SBFV) – schwer zu werden mit der praktischen Umsetzbarkeit. Oftmals ist die Auswechselbank bevölkert von Personen, die nicht auf dem Spielberich auftauchen und von denen mal auch die Namen nicht kennt. Während sich eine persönliche Strafe noch relativ einfach aussprechen ließe wird es schon beim Herausfinden des Namens für den Sonderbericht schwierig weil man mangels Alternativen und Kontrollmöglichkeiten der Aussage des Spielführers vertrauen muss. Spätestens im nächsten Spiel hat dann aber der nächste Schiedsrichter kaum eine Möglichkeit eine evtl. verhängte Sperre durchzusetzen weil diese evtl. nicht bekannt ist und/oder er die Person kennt.

Vielleicht sollten wir hier einmal den Blick über den Rhein zum Fußball im Elsass wagen. Dort sitzen neben dem Trainer nur noch der Physio sowie die Auswechselsspieler auf der Bank – alle namentlich bekannt. Vielleicht ja ein Beispiel, das Schule machen könnte?!

Handschlag vor dem Spiel

Neben dem Handshake zwischen den beiden Mannschaften und dem Schiedsrichter(team) soll es in der Überlegung des IFAB vor Spielbeginn zusätzlich noch den Handschlag zwischen den Trainern und dem Schiedsrichter in der technischen Zone geben.

Dieser Handshake sollte meiner Meinung nach aber auch schon jetzt und ohne explizite Regelung zu jedem Spiel dazugehören. Ich mache entweder schon wenn ich mich darüber informiere, in welchen Trikots die Mannschaften spielen möchten, oder spätestens beim Warmlaufen auf dem Platz. Das bisschen Smalltalk mit den Trainern gibt mir als Schiedsrichter auch eine erste Tendenz auf was ich mich evtl. einstellen muss und schafft auch eine Kommunikation auf Augenhöhe.

Allerdings musste ich diesen routinierten Umgang mit der Situation nach und nach lernen, vor allem wenn man unter Umständen schon vorab weiß, dass es sich bei einem Trainer um eine schwierigen Zeitgenossen handelt, mit dem man evtl. später im Spiel seine Probleme haben wird. Insbesondere junge Schiedsrichter tun sich damit nicht so leicht. Ein in den Regeln vorgeschriebenes Prozedere könnte ihnen helfen. Allerdings könnte der Gang in die technische Zone in einer sowieso schon angespannten Situation auch für zusätzlichen Zündstoff sorgen da sich neben dem Trainer auch noch andere Offizielle und Zuschauer in unmittelbarer Nähe finden.

Auch wenn ich es sehr positiv sehe, dass man sich Gedanken macht wie man mehr Respekt fördern kann, stehe ich auch diesem Vorschlag alles in Allem eher skeptisch gegenüber.

Rote Karte für Auswechselspieler

Personalstrafen gegen Auswechselspieler (oder auch ausgewechselte Spieler) sind auch jetzt schon möglich – allerdings nur mit Folgen für die kommenden Spiele. Wahrscheinlich war genau dies der Anlass für die Überlegungen des IFAB  bei einer Roten Karte gegen einen Auswechselspieler die betroffene Mannschaft zumindest dahingehend zu bestrafen, dass ihr ein vorgesehener Auswechselvorgang verweigert wird und sie damit noch im laufenden Spiel einen Nachteil zu spüren bekommt.

Die Idee ist nicht verkehrt aber sollte dann meiner Meinung nach auch noch ein Stück weitergehen: Warum nur die Anzahl der möglichen Auswechselspieler reduzieren und nicht die Zahl der tatsächlichen Spieler?! Dann wäre gewährleistet, dass es in jedem Fall (auch bei erschöpftem Auswechselkontigent) eine Strafe für das laufende Spiel gibt und auch ein ausgewechselter Spieler hätte bis zur letzten Minute des Spiels noch einen Grund zu versuchen sich im Griff zu haben wenn er seiner Mannschaft nicht den sprichtwörtlichen Bärendienst erweisen möchte.

 

Was meint ihr zu den Vorschlägen? Oder gibt es vielleicht andere Ideen, die mehr praxistauglicher wären und mehr Aussicht auf Wirkung und Erfolg?

Update am 04.07.2017: Nach Abschluss aller Teile dieser Blogartikel-Serie habe ich in meiner Zusammenfassung versucht ein kleines Fazit zu ziehen.

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