90 + 7 – Bayern-Dusel vs. Bayern-Bonus

Fast ganz Fußball-Deutschland war sich gestern wieder einmal einig: da war er wieder, der Bayern-Bonus und schnell machten sich in den sozialen Medien etliche Bilder oder Sprüche wie der folgende die Runde:

Die Lehrerin stellt dem kleinen Philipp Lahm folgende Aufgabe:

Ein Fußballspiel dauert 90 Minuten. Entscheiden sich die Schiedsrichter für eine Nachspielzeit, wird diese über eine elektronische Tafel angezeigt. Wenn drei Minuten nachgespielt werden, pfeifen die Schiedsrichter nach drei Minuten ab. Nehmen wir nun an, der FC Bayern spielt und die Schiedsrichter zeigen fünf Minuten Nachspielzeit an. Wann pfeifen sie ab?

Daraufhin der kleine Philipp ganz stolz: Bis Bayern ein Tor gemacht hat?

Die Lehrerin: Bravo, Philipp. War jetzt aber nicht so schwierig.

Nach aufopferungsvollem Kampf im wahrsten Sinne des Wortes in der letzten Sekunde statt den Sieg nur ein Unentschieden in den Händen zu halten ist natürlich bitter – egal welchen Verein es trifft und auch die Bayern mussten das schon 2 Mal in Finals der Champions League gegen Manchester United 1999 und gegen den FC Chealsea 2012 erfahren. Oder denken wir – auch recht aktuell – an die Atlanta Falcons im diesjährigen Superbowl. Aber das ist Sport, in allen Fällen wurde sich an die Regeln gehalten und somit sollte bzw. muss man das ganze auch sportlich fair betrachten.

Aber kommen wir mal auf den konkreten Fall in Berlin. Ich hatte an diesem Tag selber ein Vorbereitungsspiel und habe nur die letzten 15 Minuten in der Sky Bundesliga-Konferenz gesehen. Inwieweit die 5 Minuten der angespielten Nachspielzeit gerechtfertig waren kann ich also nicht beurteilen aber ich unterstelle dem Schiedsrichtergespann um Patrick Ittrich jetzt einfach mal, dass das so in Ordnung ging. Zur Nachspielzeit heißt es in Regel 7 in den offiziellen Fußball-Regeln 2016/17 des DFB wörtlich:

Der vierte Offizielle zeigt am Ende der letzten Minute jeder Halbzeit an, wie viele Minuten gemäß Entscheidung des Schiedsrichters mindestens nachgespielt werden. Die zusätzliche Zeit kann vom Schiedsrichter erhöht werden, nicht jedoch gesenkt.

Somit hat Patrick Ittrich mit der 7-minütigen Nachspielzeit nichts getan, was nicht von den Fußballregeln her verboten wäre. Wann genau die angezeigte Nachspielzeit noch verlängert werden kann finden wir dann in den „Zusätzlichen Erläuterungen des DFB“ unter Punkt 2:

Verloren gegangene Zeit (z. B. Unterbrechung wegen eines Gewitters) muss nachgespielt werden. Vergeudete Zeit (z. B. Spielverzögerungen) wird unter Beachtung der Vorteilbestimmung nachgespielt.

Gewittert hat es in Berlin nachweislich nicht aber Spielverzögerungen von Seiten der Hertha gab es in der Nachspielzeit mit den 2 Auswechslungen und den behäbigen Spielfortsetzungen dennoch. Hier darf man als Schiedsrichter natürlich nicht jede Sekunde aufrechnen aber ich bin mir ziemlich sicher, dass Patrick Ittrich noch genau diesen einen Angriff, der zudem noch innerhalb der 5-minütigen Nachspielzeit begonnen hatten laufen lassen wollte, um danach abzupfeifen. Mit dem Foul an der Strafraumgrenze wollte der Berliner Verteidiger zum Einen eine mögliche direkte Torchance verhindern und zum Anderen natürlich auch noch Zeit von der Uhr nehmen. Jetzt abzupfeifen wäre unter der oben angesprochenen Beachtung der Vorteilsbestimmung falsch gewesen weil die Hertha dann für das Foulspiel quasi noch „belohnt“ worden wäre. Der Fußball unterscheidet sich hier auch von anderen Sportarten wie z.B. Basketball oder NFL – dort würde nämlich bei einer solchen Spielunterbrechung die Uhr angehalten um auf eben diese versteckte Spielverzögerung wirksam zu reagieren und keine Bevorteilung einer Mannschaft zuzulassen.

Abschließend will ich noch erwähnen, dass das Thema „Nachrspielzeit“ vor der Saison auch bei einem „runden Tisch mit Managern, Trainern, Spielern und Schiedsrichtern“ besprochen wurde: Regelkunde: Was ist neu in der Saison 2016/17?. Das Thema war also nicht unbekannt und wurde meiner Meinung nach – sorry an alle Hertha-Fans – hier vom Schiedsrichtergespann korrekt umgesetzt.

Und so kam es wie so häufig in dieser Spielzeit mit dem Ausgleich in allerletzter Sekunde zum Bayer-Dusel – von einem Bayern-Bonus kann hier aber nicht die Rede sein.