Warum eigentlich Schiedsrichter werden?! Vielleicht der persönlichen Entwicklung wegen…

Dieser Beitrag ist Teil der kleinen Serie Warum eigentlich Schiedsrichter werden?!, in der ich im Hinblick auf die vielerorts bald beginnenden Schiedsrichter-Neulingslehrgänge mal aus ganz perönlicher Sicht meine TOP-3 der Gründe aufzähle, warum es sich lohnt Schiedsrichter zu werden und warum ich es bis heute auch selber nicht bereut habe.

Weitere Teil der Serie sind:

 

Persönliche Entwicklung

Wir alle sind die Summe dessen was wir in unserem bisherigen Leben gelernt und beigebracht bekommen haben. Wir können nicht nichts tun. Und wir können auch nicht keine Erfahrungen sammeln. Die Schiedsrichterei ist für mich eine sehr intensive und prägende Tätigkeit und mit vielen Vorteilen für die persönliche Entwicklung.

Viele Leute behaupten von sich: „Ich könnte das nicht: mich auf den Platz zu stellen und mich von Spielern, Trainern und Zuschauern blöd anmachen zu lassen.“ Verständlich. Auch mir macht das nicht wirklich Spaß wenn es mal dazu kommt aber Emotionen gehören eben zum Fußball dazu, auch wenn es manchmal etwas zu viel ist. Wer ein zu weiches Fell hat, der wird schnell von diversen Vorfällen und Berichten abgeschreckt – auch wenn die Mehrzahl der Spiele friedlich oder zumindest noch im Rahmen sind. Das sollte man nicht vergessen!

Als Schiedsrichter muss man bereit sein auch mit solchen Situationen umzugehen und man lernt das auch mit den Zeit und wächst an schwierigen Situationen. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich heiße damit nicht übertriebene Emotionen und Reaktionen an Schiedsrichter gut, aber damit umzugehen trägt ganz stark zu einer Weiterentwicklung im persönlichen Bereich bei.

Schwierige Situationen wird es auch abseits des Platzes sowohl im privaten als auch im beruflichen Bereich immer wieder geben und der Umgang damit und die angemessene Reaktion darauf wurden uns nicht in die Wiege gelegt.

Emotionen mit noch stärkeren Emotionen zu beantworten ist wahrscheinlich nie der richtige Weg, mit im ersten Moment (etwaige nachgelagerten Schritte wie etwa der späteren Meldung, die wir bei besonderen Vorkommnisse in einem Spiel schreiben) besonnenen Reaktionen auch auf unberechtigte Kritik fährt man in der Regel besser. Welche Gegenreaktionen unser Tun hat, lernen wir von Kindesbeinen an. Jede persönliche Begegnung, die Schule, unserer Hobbys und jede Vereinsmitgliedschaft tragen einen Teil dazu bei – mal mehr, mal weniger. So eben auch und ganz besonders in der Schiedsrichterei.

Neben dem Umgang mit schwierigen Situationen braucht es als Schiedsrichter eine weitere Eigenschaft: schnell und sicher entscheiden – und dazu auch dann zu stehen falls die Entscheidung am Ende nicht korrekt war. Schnelle und teilweise auch instintive Entscheidungen („Bauchentscheidungen“) werden uns von der Schule an eigentlich abgewöhnt/abtrainiert, im Beruf sollen wir eben diese Kompotenz dann aber wieder haben wenn es darum gehr Karriere zu machen. Uns wird suggeriert, dass es nur ein „Richtig“ gibt und alles Andere deshalb falsch ist. Uns wird beigebracht vor einer Entscheidung alle Aspekte zu berücksichtigen, um ja keinen Fehler zu machen. Fehler machen ist (leider immer noch) verpöhnt und gesellschaftlich nicht gerne gesehen und deshalb zögern wir so manche Entscheidung so lange raus bis es zu spät ist und wir gar nicht mehr die Möglichkeit haben (selber) zu entscheiden. Wer nicht viel entscheidet, der kann auch nicht viele Fehler machen. Allerdings entscheiden dann Andere für ihn oder über ihn und diese Entscheider werden immer so entscheiden, damit sie den eigenen Vorteil haben. Wer Karriere machen will muss in gewissen Situationen schnell und entschieden entscheiden, auch ohne den Überblick über alle Rahmenbedingungen zu haben (was in einer Gesellschaft der Informationsüberflutung immer unmöglicher wird). Bei dieser Entscheidung muss man auch mal alles auf eine Karte setzen und riskieren zu scheitern. Scheitern ist aber kein Beinbruch, dann heißt es bei den Männern aufstehen, Mund abwischen und weitermachen oder bei den Damen aufstehen, Krönchen richten und weitermachen.

Seht ihr die Parallelen zur Schiedsrichterei? Es passiert etwas auf dem Fußballplatz, der Schiedsrichter nimmt einen gewissen (durch korrektes Stellungsspiel auf Basis der nötigen Fitness möglich großen Prozentsatz) der Situation wahr und entscheidet dann relativ schnell nach bestem Wissen und Gewissen. Natürlich gibt es die eindeutigen Situationen, bei denen keine Kritik aufkommt, aber meistens wird sich jemand beschweren. Wir haben aber entschieden weil wir es so wahr genommen haben und stehen nun auch zu dieser Entscheidung – egal ob gegenüber Spielern, Trainern oder einem Schiedsrichter-Beobachter.

Ob diese Entscheidung nun korrekt war oder nicht können wir selten zu 100 % sagen aber dieses Risiko gehen wir implizit und unbewusst ein. Sollten wir falsch gelegen haben, dann müssen wir natürlich auch damit leben – irren ist menschlich und wie gerade schon einmal gesagt: Mund abwischen bzw. Krönchen richten und weitermachen.

Auch diesen Umgang mit Fehlern lernt man mit der Zeit. Es gibt Fehler, die lassen sich nicht mehr rückgängig machen: z.B. der Abseitspfiff weil wir einen Abwehrspieler auf der Torlinie übersehen oder der Unterbruch des Spiels weil wir eine Vorteilssituation nicht erwartet haben. Ist dann halt so, ein einfaches „Sorry“ hilft nicht immer, sollte uns dann aber auch über die Lippen kommen. Aber es gibt auch Fehler, die sich noch (wie es im Regelheft so schön heißt: „bis zur nächsten Spielfortsetzung“) korrigieren lassen: Der Eckstoß, den wir irrtümlich als Abstoß geben wollten bis sich der Torwart bei uns meldet, dass es doch noch mit den Fingerspitzen dran war. Die Rote Karte für eine vermeintliche „Notbremse“, die aber keine war weil der Gefoulte zuvor im Abseits stand. Oder die Gelb-Rote Karte für einen Spieler, der zuvor noch gar nicht verwarnt war. All das Beispiele, in denen ich von einem Schiedsrichter erwarte, dass er seine Entscheidung korrigiert und nicht bewusst seine nachweislich falsche Entscheidung zu verkaufen versucht. Aber auch das muss man lernen: sich in einer Gesellschaft, in der die Fehlerkultur immer noch viel zu schwach ausgeprägt ist, Fehler einzugestehen und sportlich fair (das ist übrigens dieselbe Fairness, die wir immer wieder von Spielern, Trainern und Zuschauern uns gegenüber einfordern) zu korrigieren.

Mit schwierigen Situationen umzugehen, besonnen zu reagieren anstatt noch weiter Öl ins Feuer zu gießen, schnell und entschlossen handeln und notfalls auch die Konsequenzen von „falschen“ Entscheidungen tragen – alles Soft Skills, die uns weiterhelfen und die man durch die Schiedsrichter-Tätigkeit auch lernt. Und natürlich das oben angesprochene ernst gemeinte „Sorry“, dass uns allen wahrscheinlich viel zu selten und zu schwer über die Lippen kommt.